Freie Amazone

Der Planet Darkover ist meine Heimat. Die Geschichte der Besiedlung Darkovers ist nie hundertprozentig geklärt worden. Trotzdem möchte ich hier einen kleinen Abriß wiedergeben von Darkover, so wie ich es kenne und kennengelernt habe.

Als die Kolonien unserer Galaxis schon von Menschen besiedelt waren, muß ein Transporter in einen Meteoritensturm geraten sein. Es gelang dem Captain, auf einem Planeten der M-Klasse notzulanden und einige der Passagiere müssen gerettet worden sein. Das Wrack des Schiffes wurde erst vor einigen Jahren in den Kilghard-Bergen wiederentdeckt und die Schäden am Rumpf erhärten diese Theorie.
Die Überlebenden sahen keine Aussicht auf eine baldige Rettung und so besiedelten sie mehr notgedrungen als aus Pioniergeist diesen Planeten.

Darkover selbst ist ein Planet mit einer freundlichen roten Sonne. Das einzige, was mich hier auf der Erde an diese milde Beleuchtung erinnert, sind die Sonnenuntergänge über dem Meer. Wahrscheinlich liebe ich sie deshalb auch so sehr. Doch mit Abstand am schönsten sind die darkovanischen Nächte. Darkover wird von vier Monden umkreist, so daß eine Nacht selten wirklich dunkel wird. Für viele Menschen ist es ein Grund zu feiern, wenn alle vier Trabanten am Himmel stehen. Nicht umsonst sagt ein altes Sprichwort: "Was unter vier Monden gesagt oder getan wird soll nie bereut oder geahndet werden."

Die Luft auf Darkover ist etwas dünner als auf der Erde, aber selbst Neuankömmlinge der Terranan gewöhnen sich nach ein paar Wochen daran.
Das bringt mich auf den Zeitpunkt der Wiederentdeckung Darkovers. Seit dem Absturz des ersten Transporters entwickelte sich auf Darkover eine eigene Kultur, die einer mittelalterlichen Feudalherrschaft der Erde gleicht. Erst vor wenigen Jahren entdeckte ein Aufklärer diesen abgelegenen Planeten, der von Meteoritengürteln umgeben eher versteckt im Sonnensystem liegt. Der Aufklärer meldete ihn der Basis als Klasse-M-Planet und schlug eine Überprüfung der Besiedlungsfähigkeit vor. Inzwischen hatten sich die (registrierten) Kolonien der Menschheit und die Planeten anderer Völker zum intergalaktischen Imperium zusammengeschlossen und als die ersten Imperiumsschiffe auf dem Planeten landeten, mußten sie feststellen, daß Darkover seit vielen Generationen bewohnt war.
Trotzdem die Geretteten des Absturzes Menschen mit demokratischem Hintergrund waren, entwickelte sich bald eine starke Hierarchie. Heute ist Darkover in Domänen eingeteilt, die unter der herrschenden Kaste, den Comyn, aufgeteilt sind.
Zurückzuführen auf die geringe Zahl der Geretteten kam es zu einer starken Inzucht der ersten Generationen und zu einer Vermischung mit einer Art humanoider Ureinwohner. Dadurch bildeten sich einige Eigenschaften bei Darkovanern heraus, die später als Statussymbol dienten. So haben fast alle Comyn rote Haare und grüne Augen, eine Familie weist einen weiteren, sechsten Finger an den Händen auf und die meisten von ihnen verfügen über mehr oder weniger Laran.
Laran ist eine Gabe und ein Fluch. Es bedeutet die Fähigkeit zur Telepathie.

Auf Darkover findet man eine Mineral, das diese Fähigkeit verstärken kann, aber auch einen Schutz für den Telepathen bietet, den Ansturm der ihn erreichenden Gedanken zu kontrollieren. Mittels dieser Matrix rückt selbst Telekinese in den Bereich des Möglichen.

Als weiblicher Nachkomme der Comyn erwarten einen verschiedene mögliche Schicksale:
Hat man starkes Laran, kann man in einem der Türme zur Bewahrerin ausgebildet werden. Das bedeutet, Ehe und Familie zu entsagen, Jungfrau zu bleiben und mittels Laran dem Wohl der Domänen zu dienen.
Mit schwachem Laran wird man in der Regel verheiratet, entweder um die Bande zu anderen Lords zu festigen, oder um als Zuchtstute für Nachkommen mit dieser Gabe zu dienen.
Ich selbst bin als eine Comyn geboren worden, und zu meinem Entsetzen mußte ich mit zwölf Jahren feststellen, daß mir auch die "Alton-Gabe" nicht erspart bleiben sollte.
Einige Frauen sind glücklich mit ihrem ausgewählten Ehemann, einige fügen sich in ihr Schicksal, einige versuchen, ihm in den Türmen auszuweichen, doch keine von ihnen hat ihr Leben je selbst bestimmt.

Ich selbst habe einen anderen Weg gewählt.

Als ich merkte, daß meine Gabe erwachte, wußte ich, mein Vater würde mich baldmöglichst an einen Comynary aus guter Familie verheiraten. Zunächst versuchte ich mein Laran zu verbergen, doch dann beschloß ich, ich würde meinen eigenen Weg gehen und mich nicht wie ein Stück Vieh verkaufen lassen. Als mein Vater mir eröffnete, er habe einen geeigneten Gatten für mich ausgesucht, sattelte ich mein Pferd und floh in den nächstgelegenen Turm. Dort erhielt ich eine Matrix und eine Ausbildung, wie sie zu nutzen sei. Allerdings reichte meine Gabe nicht aus, um als Bewahrerin zu arbeiten, und heute bin ich froh, nicht in einem der Türme gefangen zu sein, wäre das doch nur der Austausch der Gefängnismauern, aber dieselbe Gefangenschaft wie eine Ehe.
Ich hätte mich zur Heilerin geeignet, doch dazu hätte es das Einverständnis meiner Eltern benötigt. Kurz bevor die Bewahrerin mich zu ihnen zurückschicken wollte, traf ich in dem Turm auf die erste Amazone, die ich je gesehen hatte. Ihr Name war Gilla und zunächt hielt ich sie für einen Mann. Sie saß in einem Herrensattel, trug lederne Reithosen und ein Schwert* auf dem Rücken. Sie war bei einem Kampf mit Straßenräubern verletzt worden und hatte sich und ihren Begleiter, der quer über dem Packpferd lag, bis zu unserem Turm geschleppt. Wir nahmen uns der beiden Verletzten an und ich erhielt die Aufgabe, Gilla zu versorgen, solange sie ans Bett gebunden war. Dabei erfuhr ich von ihrem Leben als Bergführerin und vom Eid der Amazonen, und ich erzählte ihr von meiner Angst, meine Eltern könnten wieder Ansprüche auf mich geltend machen.
Als ich erfuhr, die Gilde der freien Amazonen würde keine Frau abweisen, die um Schutz nachsuchte, stand mein Entschluß fest: Ich wollte nach Thendara. Ich würde die Raumschiffe und den Raumhafen sehen, und ich würde eine freie Amazone werden!
Damals wußte ich noch nicht, was auf mich wartete, aber ich habe meinen Entschluß nie bereut.
Als es unseren Patienten wieder besser ging, bat ich Gilla, mich mitzunehmen aber sie lehnte ab. Sie schimpfte mich eine verzogene Göre, die nur Angst vor der Verantwortung habe und ihren Kopf durchsetzen wolle. Sie warf mir vor, eine Diebin zu sein, denn das Pferd, daß ich immer als mein eigenes angesehen hatte, gehöre, genau wie ich, meinem Vater. Sie sagte, wenn ich nach Thedara wolle, müsse ich schon alleine dorthin kommen , sie habe einen Auftrag und werde ihren Kunden zu seiner Familie bringen, wie es in ihrem Vertrag stünde. Wenn ich es so dringend wolle, würde ich schon einen Weg finden.
Erst viel später erfuhr ich, daß sie gezwungen war, so zu handeln. Es ist den Amazonen gesetzlich verboten, für ihre Gilde zu werben. Die Comyn haben Angst, daß ihren Männern sonst reihenweise die Frauen weglaufen würden, was sicher der Fall wäre.
Also wird Schutzsuchenden, die nicht in akkuter Gefahr sind, zunächst vom Eintritt in die Gilde abgeraten. Damit wird auch erreicht, daß die Frauen den Schritt aus tiefer Überzeugung tun und nicht den einfacheren Weg wählen.
Was ich ebenfalls nicht wußte war, daß Gilla nur noch eine halbe Tagesreise zu dem Ort vor sich hatte, wo sie ihren Kunden, mittlerweile genesen, ablieferte. Von dort ritt sie direkt zum Turm zurück, den ich inzwischen wiedermal halsüberkopf verlassen hatte. Mein geliebtes Pferd hatte ich laufen lassen, sicher, daß es nachhause zurückfinden würde. Gilla blieb auf dem ganzen Weg nach Thendara ungesehen in meiner Nähe, und als ich nach fünf Tagesmärschen durch die Wälder durstig, hungrig und erschöpft die Stufen des Gildenhauses hinauftaumelte, war sie es, die mich in den Arm nahm, willkommen hieß und mir sagte, ich sei die tapferste kleine Comyn, die sie je gesehen hätte.

Ich blieb ein Jahr im Gildenhaus von Thendara, schnitt meine Haare ab, legte nach dieser Zeit den Eid ab und genoß eine weitere Ausbildung zur Heilerin und Hebamme. Mit dem Wissen der Schwestern und meinem Laran wurde ich gut genug, um für die Terraner interessant zu sein.
Thendara hat den einzigen Raumhafen des Planeten. Die Comyn weigern sich, die Technologie des Imperiums anzunehmen und so sind alle elektrischen Geräte außerhalb von Thendara untersagt. Nicht einmal mechanische Hilfen, wie Schußwaffen oder Fahrräder sind zugelassen. Die Comyn fürchten, diese Dinge könnten sie die Macht kosten, und wahrscheinlich haben sie damit sogar recht. Auf der anderen Seite ist das Verbot von Schußwaffen zwar keine Sicherheit gegen Krieg, aber doch eine gegen Massenvernichtung und ich bin froh, daß uns dadurch die Ängste des "Overkill", die es auf der Erde im 20. Jahrhundert gegeben hat, erspart bleiben.
Die Terraner boten mir an, als Vermittlerin zwischen den Welten zu arbeiten. Sie gaben mir Einblick in ihre Technologie und ihr Wissen und erfuhren von mir die Strukturen der Macht, die Hierarchien der Comyn und die Geographie des Landes, soweit ich sie kannte.
Nachdem ich eine Weile als Vermesserin mit einem Team Terraner für das Imperium gearbeitet hatte, bot man mir an, eine weitere Ausbildung auf der Erde anzuschließen. Mein Traum wurde wahr: Ich würde in einem Raumschiff fliegen! Ich würde neue Welten sehen und neue Kulturen kennenlernen! Ich sagte zu, und hier bin ich nun: eine Darkovanerin, freie Amazone, Heilerin, Hebamme und Studentin der Medizin.

So sehr ich die Erde mag, ich freue mich auf den Tag, an dem ich nach Darkover zurückkehren kann, die rote Sonne wiedersehe und meinem Volk und meinen Schwestern als Heilerin dienen kann.


*Schwerter sind den Frauen auf Darkover verboten. Die Waffe, die die freien Amazonen traditionell tragen, ist das größte, was noch unter der Bezeichnung "Dolch" geduldet wird. Dieses Verbot stellte sich als unnötig heraus, denn der Umgang mit einem Männerschwert ist für viele Frauen ohnehin zu schwer.

 

© Jae 5-97