Traumtänzer

 

Auf einer meiner Reisen mit dem Vermessungsteam lernte ich Bengal kennen. Er war ein Orf, ein fast humanoides Wesen mit einem unglaublich runzeligen Gesicht, das ihm den Ausdruck von großer Stärke und Weisheit verlieh, und mit einer dreifingrigen, krallenbewehrten Hand.
Bengal wurde unserer Truppe als Geologe zugeteilt, obwohl bekannt war, daß Fremde auf unserem Planeten äußerst mißtrauisch behandelt werden. Da wir aber auf diesem Trip in relativ unbewohntes Gebiet vorstießen, hatte die terranische Expeditionsleitung keine Bedenken.
Bengal war der erste "Außerirdische" wenn man so sagen kann, dem ich begegnete und löste bei mir zunächst panisches Entsetzen aus. Seine Art, unsere Sprache zu sprechen war ungewohnt und klang guttural. Er benahm sich eigenartig und bewegte sich gnomenhaft, irgendwie tänzelnd. Aus irgendeinem Grund hatte ich Angst vor ihm. Aber die auffälligsten Eigenschaften wurden mir erst nach Beginn unserer Reise deutlich.


Wir hatten einen Trupp aus fünf Leuten zusammengestellt, zwei Vermessungsingenieure, Tanya und Bengt, eine Biologin, Nikita, Bengal als Geologe und meine Wenigkeit als medizinische Betreuung, Dolmetscherin und "Eingeborene", wie mich meine terranischen Kollegen liebevoll zu nennen pflegen. Unser Reiseziel, die Hellers, war die nördlichste Bergkette, die die bewohnten Domänen nach Norden begrenzt.

Für die Expedition trafen wir uns in Nevarsin, wo ich bereits die Vorbereitungen eingeleitet hatte. Wir rüsteten uns mit vier Pferden und einem Pony für Bengal aus, sowie mit zwei weiteren Packpferden, die vor allem die Zelte und den Proviant tragen sollten. Auf dem Rückweg mußten sie außerdem eventuell anfallende Bodenproben oder von Nikita ergatterte Tier- und Pflanzenexemplare tragen... so dachte ich.

Daß sich das Problem mit den Gesteinsproben eher auf Bengals Reittier übertragen würde, wurde mir nach bereits einigen Stunden Ritt in den Hellers klar. Wir hatten noch nicht einmal die erste Tagesetappe hinter uns gebracht, als der kleine Orf ein kreischendes Grunzen ausstieß und von seinem Pony fiel. Mir ging sowohl der Schrei als auch der Anblick durch und durch, während meine Mitreisenden, die sich vor Bengal befanden, es kaum zu bemerken schienen. Bengal war jedoch nicht gefallen, wie es den Anschein hatte. Er rappelte sich blitzschnell hoch, und hielt mir triumphierend einen kleinen Stein entgegen, den er aufgelesen hatte. "Das wußte ich nicht," gurrte er "daß es hier Pyrrith gibt!" Seine Augen strahlten.
Ich lächelte ihn an: "Wir nennen ihn zwar anders, aber wir nutzen ihn schon seit ewigen Zeiten, um Feuer zu machen. Es ist schön, daß Du welchen gefunden hast, denn ich traue euren modernen Feueranzündern nicht so recht über den Weg."
Noch bevor ich die letzten Silben gesprochen hatte, weiteten sich meine Augen. Bengal hatte den Stein in den Mund gesteckt, ein paarmal hin und her geschoben und heruntergeschluckt. Ich muß so verstört ausgesehen haben, daß die anderen in schallendes Gelächter ausbrachen.
"Die Orf leben auf einem sehr kargen Planeten" erklärte mir Nikita. "Deshalb waren ihre Vorfahren in Notzeiten oft gezwungen, sich von Flechten und Moosen zu ernähren. Das geht nun mal am besten, wenn man die Steine auf denen sie wachsen ganz herunterschluckt und die Verwertung dem Magen-Darm-Trakt überläßt. Bengal hat Organe, in denen er die Steine sogar eine Zeitlang 'lagern' kann. Er wird sie erst am Ende unserer Reise wieder ausscheiden."
Bengal grunzte zufrieden. Irgendwie hatte ich das Gefühl, es machte ihm Spaß, mich in Verlegenheit zu bringen.
In mir stieg die Frage auf, warum wir nicht seinen Anteil an Lebensmitteln zuhause gelassen und statt dessen ein stärkeres Tier für ihn selbst mitgenommen hatten. Wenn er so weitermachte würde er am Ende der Reise gut das doppelte wiegen. Aber ich verkniff mir die Bemerkung.

Da es in den Bergen früh dunkel wird und wir von dem Marsch bergauf sehr ermüdet waren, schlugen wir schon recht früh ein Nachtlager auf. Es gab ein relativ kleines Schlafzelt und ein etwas geräumigeres Küchenzelt, das wir erst verwenden wollten, wenn wir unser Ziel erreicht hatten. Wir wollten über die nördlichste Kuppe eines Berges, den die Terraner als Heller-Peak bezeichneten, um dort eine temporäre Station aufzubauen, von der aus wir Tagestouren in die Umgebung unternehmen konnten.

Die Pferde waren schnell versorgt, das Zelt baute sich fast von selber auf und Tanya und Bengt hatten im Nu ein schmackhaftes Abendessen gekocht. Danch fielen wir alle auf unsere Matten und in unsere Schlafsäcke. Ich hatte mich überreden lassen, aus Platzgründen den Isoschlafsack der Terraner mitzunehmen und nicht meinen gewohnten Fellsack.
In dieser ersten Nacht schlief ich sehr unruhig. Ich wälzte mich hin und her, der Schlafsack erschien mir zu warm und wilde Träume plagten mich.


Ich bin in den Trockenstädten. Es ist heiß und die Sonne brennt. Wir haben nichts zu trinken und keinen Proviant mehr. Wir müssen dieses Mädchen retten. Sie ist angekettet, Handschellen, die an ihrem Gürtel festgemacht sind. Die Trockenstädter kennzeichnen sie so als ihren Besitz. Das Mädchen ist unglücklich und wir müssen es befreien. Ein Mann lockert ihre Ketten. Plötzlich bin ich dieses Mädchen, der Mann ist Bengal. Ich muß mich selbst befreien. Keiner wird mir helfen. Ich reiße an den Ketten, schabe mir die Hände blutig. Bengal lacht mich aus. Ich bekomme die Ketten los. Ich renne. Weg, nur weg! Bengal läuft neben mir. Er ruft, er quiekt, er wird uns noch verraten! Ich werfe die Ketten nach ihm. Er schreit.


Ich wachte mit einem Ruck auf. Neben mir saß Bengal ebenfalls senkrecht auf seiner Matte. Mein Schrei mußte ihn geweckt haben, oder sein Schrei mich? Wir sahen uns kurz an, dann blickte er auf seine Uhr und ich versuchte nach dem Licht vor dem Zelt die Zeit abzuschätzen. Es dämmerte bereits und wir standen auf. Als die anderen erwachten hatten wir bereits das Frühstück fertig. Dabei hatten wir die ganze Zeit kein Wort gesprochen. Mir war der Traum noch so real im Gedächtnis, als hätte ich das alles wirklich erlebt. Ich erinnerte mich wieder an meine Gefangenschaft und meine Flucht. Alte Wunden heilen wohl nie ganz. Deshalb war mir an diesem Morgen nicht nach Reden zumute und Bengal schien das zu respektieren.


An diesem Tag kamen wir in den Hellers ein ganzes Stück voran. Es ging immer noch steil bergauf und an einigen Stellen mußten wir absteigen und die Pferde führen. Die Luft wurde zunehmend kühler und an schattigen Stellen sahen wir immer öfter Rauhreif.
Die Flora war für Nikita eine Wonne. Sie jubelte bei jeder dritten Pflanze und erklärte uns Herkunft und Lebensart der Gewächse. Ich steuerte, sofern ich es wußte, die Heil- oder Giftwirkung des ein oder anderen Krautes bei. Die Fauna war nicht ganz so ergiebig. In der Kälte gab es kaum Insekten, Vögel hielten sich vor uns versteckt und nur gelegentlich hoppelte ein Rabbithorn vor uns in die Büsche.
Ab und zu stieß Bengal sein begeistertes Quieken aus und schluckte einen Stein, aber ich bemerkte, daß er sehr sparsam mit seinen Resourcen umging. Im großen und ganzen verlief der Ritt also ereignislos und harmonisch.

Immer noch schien es, als würden die anderen dieses Markerschütternde an Bengals Gurren und Quieken nicht bemerken und ich fing an mich zu fragen, ob mir mein Laran da einen Streich spielte. Diese Kraft befähigt mich in begrenztem Maße, Gefühle und Gedanken anderer Menschen wahrzunehmen, nur schirme ich mich normalerweise instinktiv ab, da ich mir selbst wie eine Spionin vorkomme, wenn ich andere ohne ihr Wissen belausche.

Mit hereinbrechender Dämmerung schlugen wir unser Lager auf einer Lichtung zwischen hohen Bäumen auf. Wir machten ein paar Scherze über Bengals Eßgewohnheiten und drohten ihm, seine Rationen zu kürzen, wenn er weiter Steine naschen würde. Er nahm das mit Humor hin und ich fand sein Lachen ansteckend.
Als ich einschlief fühlte ich mich glücklich und zufrieden.


Ich bin wieder in den Trockenstädten, mein Herr schlägt mich. Ich kann mich kaum rühren und weiß, er wird mich zu Tode prügeln, wenn ich nicht einen Ausweg finde. Meine Ketten sind lang. Sie lassen meinen Armen Bewegungsfreiheit. Ich kann mich hochdrücken und ausholen. Ich schlage nach dem Mann, der sich mein Herr nennt. Ich schlage noch einmal und dann laufe ich. Ich zerre an den Ketten. Ich sehe mich um, habe das Gefühl verfolgt zu werden. Dort ist der Waldrand, diesmal ist es kalt, gar nicht wie sonst in den Trockenstädten. Auf den Tannen liegt Schnee. Ich denke, daß irgend etwas fehlt in meinem Traum. Wo ist Bengal? Da steht er am Waldrand. Seine Beine sind zerschunden, wo ich ihn gestern - gestern ? - mit den Ketten getroffen habe. Ich kann seine Stimme hören, obwohl er viel zu weit weg ist. Es sind nur Laute, aber sie bedeuten Gefahr. Ich habe Angst, er verrät uns. Aber er hat auch Angst. Warum geht er nicht weg? Warum läßt er mich nicht in Ruhe? Ich kann ihn hören: "Was tust Du da?" ruft er. Was meint er damit?
Ich laufe in den Wald hinein. Er läuft neben mir, ruft, schreit... Ich streife die Ketten ab und werfe sie...


Ich erwachte mit einem Schrei. Ich war schweißgebadet, der Schlafsack lag zusammengeknautscht zu meinen Füßen und mir war eiskalt. Tanyas Augen öffneten sich schläfrig. "Chiya, Du hast Dich aus Deinem Schlafsack gestrampelt. Leg Dich wieder hin." murmelte sie.
Wahrscheinlich deshalb der Alptraum mit der Kälte. Als ich mich herumdrehte, sah ich, daß auch Bengal wach war. Er starrte mich böse an und drehte sich weg. Ich versuchte, mich wieder hinzulegen, hatte aber Angst einzuschlafen. Diese Träume, sie waren so real...


Ich bin wieder in dem Wald, der ganz in der Nähe der Trockenstädte liegen muß. So ein Unsinn! In der Nähe der Trockenstädte gibt es keine schneebedeckten Wälder! Neben mir ist Bengal, aber wir rennen nicht. Bengal hat mich am Arm gepackt. Er hat Angst. Wovor? Vor mir? Ich laufe doch vor ihm weg. Ich bin die Gejagte, er ist der Jäger. Seine Krallen graben sich in meine Haut. "Was willst Du von mir?" gurrt er. "Nichts! Laß mich in Ruhe!" Ich bin den Tränen nahe. "Laß mich los!" flehe ich und ich höre ein Echo meiner Worte aus ihm heraus "Laß mich los!" ruft Bengal.
"Du tust mir weh" unsere zwei Stimmen klingen als eine...
Er läßt meinen Arm los und ich plumpse rückwärts auf den Waldboden. Ich sehe ihn weglaufen. Er rennt, so schnell ihn seine kurzen Beine tragen. Ich sehe ihn durch die Bäume von mir weglaufen, aber ich kann ihn immer noch sehen, solange, bis um mich alles schwarz wird und ich am nächsten Morgen aufwache.


Den ganzen Morgen sprach Bengal kein Wort, weder zu mir noch mit den anderen. Mir war auch nicht nach Smalltalk zumute und ich beeilte mich, meine Sachen zu packen und mein Pferd zu satteln. Heute sollten wir unsere erste "Station" erreichen, d.h. den Ort, wo wir eine Station aufbauen wollten um kleinere Expeditionen in die Umgebung zu unternehmen.
Langsam kamen wir in ein Gebiet, daß auch mir unbekannt war. Für mich eine willkommene Ausrede, ein Stück voraus zu reiten, um "den Weg zu sichern" und mit meinen Gedanken allein zu sein.
Der Wald wurde zunehmend lichter und der Weg steiniger. Es gab einige steile Abbruchkanten, denen wir ausweichen mußten und ich begann zu befürchten, daß wir irgendwann einen größeren Umweg würden einschlagen müssen.
Meine Gedanken kreisten währenddessen um die Träume der letzten Nächte. Ich hatte gedacht, daß ich meine Erlebnisse in den Trockenstädten längst überwunden hatte. Immerhin war ich aus eigener Kraft entkommen. Und was hatte Bengal damit zu tun? Er kam ja nicht einmal von unserem Planeten. Mitten in meine Gedanken hinein ertönte plötzlich wieder einer von Bengals markerschütternden Schreien. Mein Pferd scheute, stieg auf und warf den Kopf in den Nacken, so daß ich fast gestürzt wäre. Ich hatte Mühe, das Tier zu wenden um zu den Anderen zurückzukommen und immer wieder versuchte es mich abzuwerfen. Eine tiefe, irrationale Angst stieg in mir auf, Panik machte sich breit und plötzlich wußte ich, wo diese Panik herkam. Vor mir stand ein Banshee mitten im Geröll und blockierte meinen Weg zurück zu meinen Gefährten. Nur wenige Sekunden danach kamen diese in Sicht, angetrieben von Bengal, der hecktisch auf das Banshee deutete und in der Aufregung unsere Sprache zu vergessen schien.

Banshees sind die gefürchtetsten Raubtiere auf Darkover. Die sind etwa 1,30m groß, ihre Haut hängt in Falten von ihrem gedrungenen Körper und ihre Augen sind überwuchert, so daß sie fast blind wirken. Sie orientieren sich an der Körperwärme ihrer Opfer und lähmen sie durch grauenerregende Schreie, die bei den Opfern blinde Panik auslösen. Diese Panik ist durchaus berechtigt, denn wenn die Banshees ihre Opfer erlegt haben, richten sie ein grauenvolles Blutbad an.

Das Banshee mußte mich und mein Pferd wahrgenommen haben und war uns gefolgt. Es hatte seine blinden Augen mir zugewandt und interessierte sich nicht für die Reiter hinter ihm. Mein Pferd war kaum noch zu bändigen, und ich befand mich in einer gräßlichen Zwickmühle. Ließ ich das Pferd mit mir fliehen, konnte es sein, daß wir entkamen, vorausgestetzt, dieses Banshee jagte alleine. Aber es konnte sich dann entscheiden, meine Begleiter anzugreifen, die bisher höchstens aus der Literatur mit Banshees vertraut waren. Das Pferd war nicht mehr zu halten, also rutschte ich von seinem Rücken und ließ es frei. Jetzt stand ich dem Banshee allerdings hilflos und alleine gegenüber und die Panik in mir war kaum zu kontrollieren. Ich versuchte mein Schwert zu ziehen, aber meine Bewegungen gingen viel zu langsam, ich war wie gelähmt. Das Banshee bewegte sich sehr langsam. Es stieß einen entsetzlichen, langanhaltenden Schrei aus und watschelte auf mich zu. Ich starrte es an, wie das Kaninchen die Schlange, dann hörte ich Bengals Stimme: "Du kannst es. Streif die Fesseln ab. Zieh Dein Schwert. Erschlag es!" Nikita, Tanya und Bengt standen immer noch wie zu Salzsäulen erstarrt in der Gegend herum. Nur Bengal schienen die Schreie des Banshees nichts auszumachen.
Ich wußte, er trug als einziger keine Waffe, aber ich sah, wie er sich bückte und einen Stein aufhob. Plötzlich schien sich der Schrei des Banshees zu verdoppeln, Bengal schrie mit ihm, der Stein flog und die Kreatur fuhr herum. All ihre Aufmerksamkeit war nun auf Bengal gerichtet. Im selben Moment merkte ich, wie meine Panik wich, mein Schwert aus der Scheide glitt und mein Instinkt mich vorwärtstrieb. Das Banshee bemerkte die Gefahr erst, als ich direkt hinter ihm war. Es war bereits bei Bengal und mein Schlag traf es, als es seine Klauen in Bengals Oberschenkel bohrte. Das ohrenbetäubende Geräusch, das folgte, war das letzte, was ich hörte, bevor mich die Dunkelheit umschloß.


Ich erwachte als es schon dunkel war. Ich lag auf dem nackten Waldboden und Bengal saß neben mir. Seine Beine hatten Wunden, wo ihn das Banshee erwischt hatte, aber sie schienen nicht allzu schlimm zu sein. Mir selbst war hundeelend, stinkendes, dickes Blut klebte an meiner Kleidung und ich zitterte am ganzen Körper. Bengal nahm meine Hand in seine Klaue. "Hab keine Angst, Jaelle, es ist tot." gurrte er sanft.
"Wo sind die anderen?" Mir fiel auf, daß wir alleine waren, keine Pferde, kein Zelt, keiner unserer Begleiter und vor allem kein totes Banshee. "Sie sind o.k." lächelte er. "Mach Dir keine Sorgen."
"Bist Du verletzt?"
"Nicht sehr schlimm" antwortete er "Wir machen uns mehr Sorgen um Dich. Du hast einen schweren Schock durch die Schreie erlitten. Wenn Dein Laran nur nicht alles aufgefangen hätte!"
"Aber ich fühle mich gut. Nur noch ein bißchen schwach."
"Glaub mir, kleine Amazone, Du bist noch nicht über den Berg. Du mußt jetzt sehr stark sein. Aber hab keine Angst, ich helfe Dir."
Bengal half mir auf die Beine und ich merkte, wie ich zitterte. Er legte meinen Arm um seine Schultern und wir gingen ein paar Schritte.
"Wohin gehen wir bei der Dunkelheit?"
"Du mußt in Bewegung kommen" erklärte er mir.
"Oh, ich verstehe, mein Kreislauf soll in Schwung bleiben."
"Nein, Liebes, Dein Lebenswille. Wir gehen das tote Banshee besuchen."
Ich ließ seine Schulter los und fiel auf den Boden.
"Ich denke nicht daran! Ich will dieses Vieh nie, nie, nie wieder sehen, tot oder lebendig!"
"Du mußt, Liebes, es hat Dir den Willen geraubt, Du hast seinen Körper erschlagen und nun muß Dein Geist sich von seinem Todesschrei befreien. Ich weiß, es hat Dir Angst gemacht, genau wie mir, aber Du kannst es!
Du hattest die Macht, mich in Deine Träume zu fesseln. Du kannst auch ein totes Banshee besiegen."
"In meine Träume?" Mir wurde wieder schwindelig "Du weißt von meinen Träumen?" Plötzlich wurde mir klar, warum Bengal nicht mehr mit mir gesprochen hatte. Er mußte genauso verstört gewesen sein wie ich. Wir hatten unsere Träume geteilt!
"Ich war mich nicht sicher" gurrte er. "Ich weiß es erst jetzt, daß Du telepathisch begabt bist und daß Du damit eine große Macht hast. Dieses Tier, das Banshee, muß etwas ähnliches haben."
"Banshees? Sie sind brutale aber wahnsinnig dumme Kreaturen. Kein Gedanke, daß sie Laran haben könnten."
"Oh doch. Ich denke schon. Die Angst, die Du spürst wurde von ihm erzeugt. Warum sonst hat sie Dich verlassen, sobald das Tier sich mir zuwandte? Und sein Todesschrei, zusammen mit meinem Schmerz; für die anderen war es nur ein Schrei. Du hast die Schmerzen und die Angst gefühlt. Du bist mit dem Banshee gestorben."
"Ich bin froh, daß ich nicht wirklich tot bin. Ich weiß, daß Rapport mit einem sterbenden Menschen mich töten kann, wenn ich nicht überwacht werde." Ein komisches Gefühl machte sich in mir breit. In Rapport mit einem Banshee - welch ein ekelerregender Gedanke!
"Nun, Jaelle, Liebes, tot bist Du nicht, aber ich mache mir immer noch Sorgen um Dein psychisches Wohlbefinden. Ich weiß, daß Dich die Erlebnisse in den Trockenstädten noch plagen. Du bist sogar soweit gegangen, mich in Deine Ängste mit hineinzuziehen und jetzt noch das Banshee..."
"Ich glaube, ich kann es ertragen" ich zitterte bei dem Gedanken "laß uns gehen, ich seh es mir an."
Ich rappelte mich wieder hoch und schaffte es sogar, ohne mich auf ihn zu stützen einige Schritte zu gehen. Währenddessen redete ich mir selber gut zu. "Was kann mir ein totes Banshee antun? Immerhin habe ich es getötet. Ich habe es besiegt. Es ist mausetot!"
Bengal tänzelte neben mir her, bereit mich aufzufangen, sollte ich stürzen. Er dirigierte mich zwischen den Bäumen durch zu der Stelle, wo ich das Banshee erschlagen hatte.
Die Kreatur lag da, als wäre es erst wenige Minuten her. Ich hatte mit dem Schwert seine Schulter getroffen und war bis zum Herzen (wenn das dort saß, wo man es bei anderen Tieren vermutet hätte) durchgedrungen. Ich spürte noch die Wärme, die von dem Körper ausging und dieses eklige Vieh schien mich anzuklagen.
"Was hast Du noch zu vermelden? Du bist tot, und ich hab Dich getötet. Du hättest uns in Ruhe lassen sollen." Irgend etwas stimmte noch nicht...
Einige Schritte hinter mir stand Bengal, regungslos und sah mich und das Banshee an. In mir keimte ein unangenehmer Gedanke.
Bei meiner Flucht aus den Trockenstädten hatte mir ein Mann geholfen. Er hatte meine Ketten gelockert und mich noch einmal vor meinen Verfolgern gewarnt. Ich war ihm dankbar gewesen, hatte aber später nie mehr die Gelegenheit gehabt, es ihm zu sagen.
Die Hilfe eines Mannes in Anspruch zu nehmen widerspricht meinem Amazoneneid. Ich habe geschworen, nie wieder von einem Mann abhängig zu sein oder ihn um Schutz zu bitten.
Und hier stand ich und hatte schon wieder einem Mann (oder zumindest dem männlichen Wesen einer fremden Art) mein Leben zu verdanken. Bengal hatte das Banshee abgelenkt, hatte erkannt, daß dessen telepathische Fähigkeiten mich lähmten und hatte sein Leben riskiert um mich zu retten.

"Weißt Du, es ist o.k., sich von einem Mann helfen zu lassen. Ich habe gehört, Ihr Amazonen bietet Begleitschutz für Reisende an, und es kommt Dir sicher nicht in den Sinn, daß eine Gruppe Dir etwas schuldet oder von Dir abhängig ist, wenn Du sie verteidigst. Anderseits willst Du Dir von keinem Mann helfen lassen, auch wenn dieser das ohne Hintergedanken an Versklavung des weiblichen Geschlechts tut.
Ich habe Dir geholfen, weil Du die einzige warst, die das Banshee erlegen konnte. Ich habe nicht Dich gerettet, sondern versucht uns allen zu helfen. Wir haben zusammen gekämpft, als Team, nicht als Beschützer und Beschützte. Verstehst Du das?" Er lächelte. "Du schuldest mir nichts. Aber wenn Du Dich dann besser fühlst, kannst Du mein Bein behandeln."
"Bengal, ich glaube, Du hast recht. Der Eid meint nicht, daß ich mir in der Not nicht helfen lassen darf. Er meint, ich darf mich dafür nicht als Sklavin verkaufen. Ich danke Dir für Deine Hilfe." Ich legte meine Arme um ihn und schoß die Augen. Um mich wurde es wieder schwarz.
"Es ist in Ordnung, Liebes. Und jetzt, komm zu uns zurück."


Ich öffnete die Augen und sah die Sonne untergehen. Ich lag auf dem Boden direkt neben der steinige Stelle, wo ich das Banshee getötet hatte. Es konnte nur wenige Stunden her sein. Neben mir lag Bengal, sein Bein notdürftig verbunden, die Augen geschlossen. Tanya und Bengt waren dabei, das Zelt aufzustellen. Nikita hatte das tote Banshee auf eine Felsplatte geschleift und hockte nun mit besorgtem Gesicht neben uns. Mein Zittern hatte aufgehört und jemand hatte mich zugedeckt, so daß ich nicht mehr fror.
Als Nikita sah, daß meine Augen geöffnet waren, trat ein Lächeln in ihre Augen.
"Oh, Jaelle! Wie schön! Du warst ohnmächtig... Wie geht es Dir?"
"Gut." Ich blickte zu Bengal, dessen Augen geschlossen waren. Er atmete flach.
"Das Banshee hat ihn am Oberschenkel erwischt" erklärte sie. "Er ist noch nicht wieder zu sich gekommen."
Alles in meinem Kopf drehte sich. Ich nahm Bengals Kralle in meine Hand und drückte sie vorsichtig. Er öffnete mit einem Stöhnen die Augen.
"Ich dachte ich verliere Dich. Das war hoffentlich der letzte Traum, den wir geteilt haben" sagte er und sein runzliges Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.

 

© Jae, 7-97